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Autorenwettbewerb 2009: 8. Platz: "Wenn Sie wüssten!"

Wenn Sie wüssten!

Heinrich Poschkamp

Was für eine Aussicht!
Einfach unvorstellbar, es verschlägt mir den Atem. Wundervoll!
Antares sieben ist grandios.
Nicht Antares, der Stern, Antares sieben.
Sie kennen Antares sieben nicht? Schade, wirklich sehr schade.
Aber wenn Sie auf der Erde leben ist das normal, dennoch ist es schade, Sie können sich nicht vorstellen, was Ihnen entgeht.
Antares sieben ist, nun, wie soll ich es Ihnen beschreiben? Kein Planet, eigentlich eine Weltraumstation, aber wir nennen ihn einen Urlaubsplaneten. Luxus pur, alles was man sich für einen perfekten Urlaub wünscht, von allem nur das Beste.
Ozeane, Berge, Seen, Städte, weite Ebenen, Dörfer, Eislandschaften, Unterwassersiedlungen, alles, was Sie im Urlaub machen - Sie finden es hier. Sie haben Zweifel? Entschuldigung, Sie haben die falsche Vorstellung, diese Raumstation hat den Umfang von 9.000 galaktischen Meilen, wobei eine galaktische Meile zehn Erdenkilometern entspricht.
Also, Antares sieben ist schon eine gewaltige Kugel.
Eine wundervolle Einrichtung der Universumskonföderation, einer der traumhaftesten Urlaubsplaneten überhaupt. Vielleicht mit Stella Nova und Solamar fünf zu vergleichen.
Aber Antares sieben ist mein absoluter Liebling. Alleine diese Aussicht lohnt die Reise.

Ich sitze hier im Meer der Sterne, die tollste Bar im Universum. Die Theke ist rund, genau wie die Bar, schwarz und funkelnd wie ein Sternenhimmel, wie der Sternenhimmel darüber. Eine Kuppel aus Plexiflex überspannt das Meer der Sterne, fünfzig Meter hoch, kristallklar, nichts was den Blick auf die Sterne stört. Und es sind Millionen Sterne, Milliarden.
Antares sieben hängt unter NGC 224, der Andromeda-Galaxie, eine wunderschöne Sternansammlung. Wenn es diese Galaxis nicht gegeben hätte, wir hätten sie erschaffen müssen. Alleine für diesen Ausblick.
Die Galaxis rotiert, für das Auge nicht sichtbar, und die Spiralarme leuchten in allen Tönen von einem sehr hellen Rot, fast noch orange, spielen alle Schattierungen in Rot durch, tief dunkel und leuchtend grell. Dann mischt sich etwas Blau hinein, alles verfärbt sich zart violett, wird stärker, satter, immer intensiver, dunkler wird der Ton, bis ein Violett erstrahlt, grandios und einfach traumhaft schön.
Unmerklich dreht sich auch das Meer der Sterne, dreht sich im Ozean der Sonnen und ich fühle mich unendlich wohl in meinem weichen Sessel an der Bar.
Vor mir steht ein Getränk, Drink würden Sie sagen, ein Getränk aus meiner Heimat. Es prickelt auf der Zunge und in meiner Erinnerung. Viel zu lange habe ich es nicht getrunken, Sie würden sagen eine Ewigkeit. Vielleicht haben Sie nach Ihrem Empfinden sogar recht.

Neben mir sitzt Quonar Betis Mantilanus, seine Stimme holt mich aus meiner Schwärmerei zurück. Wir haben uns auf dem Flug hierher kennen gelernt. Ein wirklich netter Typ, Flugkoordinator in der Universums-Explorations-Kooperation, ein furchtbarer Name.
"Ich muss mich entschuldigen, ich habe unentwegt nur von mir geredet, aber mein Job fasziniert mich noch immer. Sie haben so voller Interesse zugehört, da habe ich mich gehen lassen. Ich hoffe Sie sind mir nicht böse?"
"Böse? Nein, es war sehr interessant. Ich bekomme leider viel zu wenig von der Entwicklung im Universum mit. Es hat Spaß gemacht, Ihren Schilderungen zuzuhören. Vielleicht haben Sie ja Lust, mir noch mehr zu erzählen."
Seine Augen glänzten vor Freude. "Wirklich? Keine Höflichkeit? Würde mich sehr freuen, sicher erzähle ich noch mehr. Nur - wenn es zu viel wird, müssen Sie mich bremsen."
Ich zwinkerte ihm zu: "Bestimmt! Aber es ist sehr interessant und ich bin neugierig, was so alles passiert ist. Wenn man so weit draußen ist wie ich, fühlt man sich nach einiger Zeit ziemlich unwissend."
Quonar sah mich an. "Ist es unhöflich zu fragen, ob wir uns duzen können? Ich mag diese Förmlichkeiten eigentlich nicht."
"Gerne! Harlan Basup, sag einfach Harlan." Wir prosteten uns zu.
"Was hast du für einen Job? Hört sich geheimnisvoll an."
"Bei meinem Job ist nichts Geheimnisvolles. Ich bin Trans-Modular-Agent beim Intergalaktischen Forschungskorps. Wir betreiben Entwicklungshilfe auf rückständigen Planeten."
"Du meinst Planeten, deren Technik nicht dem Standard entspricht?"
"Nein, die ganze Entwicklung ist unsere Vorgabe. Wenn wir eine Aufgabe übernehmen, sind es langfristige Projekte. Mein derzeitiger Auftrag heißt NV 37, die Bewohner nennen ihren Planeten Erde."
"Nie davon gehört." Er schüttelte nachdenklich den Kopf.
"Ist auch extrem dünn besiedelt, dieser Planet, nur sechs Milliarden Erdlinge, nicht einmal ein Hundertstel von Namor V, selbst dessen Hauptstadt Bintaloka hat mehr Einwohner."
"Und wie ist dieser Planet? Sehr rückständig?"
"Ja, sehr, er befindet sich erst auf der Schwelle zur Raumfahrt, allerdings mit völlig ungeeigneten Mitteln. Und wie der Stand der Technik ist, so ist auch der Rest der Entwicklung. Wir haben noch viel zu tun."
"Und was ist deine Aufgabe? Zeigt ihr ihnen, wie sie es besser machen? Leitet ihr die Zentren?"
"Wir arbeiten im Verborgenen. Manchmal muss es sein, dass wir die Führung übernehmen, aber sehr ungern." Ich nahm einen Schluck.
"Als ich auf die Erde kam, war ein großer Umbruch im Gange. Die Entwicklung uferte damals aus und wir mussten eingreifen. Ich habe die Gründung eines Dorfes geleitet, die Erdlinge tauften es Nieuw Amsterdam. Schön gelegen an einem Fluss, den sie Hudson nennen. Das ist nun schon eine Weile her und ich bin immer noch in diesem Dorf. Die Einwohner sagen liebevoll Big Apple dazu."
"Großer Apfel? Wirklich seltsam, diese Erdlinge. Und was machst du heute dort?"
"Der Kultur auf die Beine helfen. Ich betreibe eine Künstleragentur, halte mich im Hintergrund. Wir haben ein Büro im 45ten Stock in Manhattan, einem Stadtteil mit schöner Aussicht. Das Büro ist ganz ok, 700 qm, nicht so groß, aber für meine fünf Mitarbeiter reicht es."
"Hört sich interessant an. Könnte mir auch Spaß machen. Sind es bekannte Künstler?"
"Alles nur lokale Größen. Rolling Stones, Madonna, Paul McCartney, Robbie Williams, Rod Stewart. Im Universum war nur einer zu vermarkten, Elvis. Der war wirklich anpassungsfähig und hat im Moment ein festes Engagement auf Livotincedar."
Ein freudiges Lächeln glitt über Quonars Gesicht: "Elvis? Der ist wirklich klasse. Ich habe mal eine Liveshow gesehen. War ein toller Abend."
"Ja, der wäre auf der Erde versauert. Wir haben seine Beerdigung inszeniert, richtig aufwändig. Aber etwas muss durchgesickert sein, dass er noch lebt. Ständig gibt es Gerüchte über ihn."
"Ärgerlich." Quonar grinste. "Manchmal sind sogar Gerüchte wahr."
"Dann gibt es da noch einen Michael Jackson. Ich mag ihn nicht, aber die Freaks auf Tavor waren verrückt nach ihm."
"Tavor, kein Wunder. Muss schon schräg sein der Typ, wenn sie ihn mögen. Was ist aus ihm geworden?"
"Hmmmm, ist nicht so gelaufen wie geplant. Bei der Anpassung ist einiges schief gelaufen. Armer Kerl, statt Star auf Tavor ist er nun ein merkwürdiger Sonderling, es ist zu viel Tavor in ihm." Ich zuckte bedauernd die Achseln.

"Ist bestimmt hart, der Job. Was macht man so alleine auf einem Planeten voller rückständiger Erdlinge?" In seiner Stimme lag echtes Mitgefühl.
"So ganz einsam ist es auch nicht. Ich bin ja nicht allein. Wenn unser Korps so ein Projekt durchführt, ist es schon eine große Gruppe. Einen Planeten vorwärts zu bringen ist eine gewaltige Aufgabe."
"Das kann ich mir vorstellen. Arbeiten denn alle im Verborgenen? Oder seid ihr auch schon mal in der Öffentlichkeit tätig?" Quonar hatte eine fast kindliche Neugier, er amüsierte mich ein wenig.
"Es kommt immer auf die Entwicklungsphasen an. Ab und zu puschen wir auch mal ein bisschen die Entwicklung. Dann bekommen ein paar Mitarbeiter Spezialaufgaben, um den Fortschritt in bestimmten Bereichen voran zu treiben."
Quonar blickte etwas verständnislos. "Spezialaufgaben? Wie meinst du das?"
"Nun, einer von uns schlüpft in eine Figur und treibt durch seine öffentliche Arbeit den Bereich voran. Oft sind es richtige Entwicklungssprünge, die wir dadurch erreichen. Marie Curie ist so ein Fall, oder Albert Einstein, beides Physiker, hat sehr geholfen. Und dann war da noch Amadeus Mozart, hat die Musik auf den Kopf gestellt. Oder Johann Wolfgang von Goethe, ein Literat und Gelehrter. Die haben ihren Job echt gut gemacht."
"Interessant, wie ihr eure Projekte betreibt", nickte Quonar anerkennend. "Aber so viele seid ihr ja nun auch nicht. Womit vertreibst du dir sonst noch die Zeit auf diesem Planeten?"
"Ich habe ein paar Hobbies. Manchmal mache ich ein wenig Politik, nur in kleinem Rahmen natürlich. Und auf der Erde gibt es etwas, das sie Boxen nennen."
"Boxen?" Verwirrt und ratlos schaute mich Quonar an. "Noch nie gehört."
"Eigentlich ist es unbeschreiblich. Zwei Kreaturen schlagen sich, mit ihren Fäusten dreschen sie aufeinander ein. Sie nennen es Wettkampf und finden es normal. Und mir macht es Spaß, es erinnert mich an die Urzeit des Universums."
Quonar grinste. "Hört sich merkwürdig an. Und amüsant."
"Was mir so daran gefällt ist die Show, die die Kämpfer vor den Kämpfen abziehen, zum Teil auch dabei. Es ist ein riesiges Spektakel, eine richtig große Inszenierung. Bei besonderen Kämpfen schaut die halbe Erde zu."
Quonar blickte ungläubig. "Ist das dein Ernst? Unglaublich!"
"Ja, es ist wirklich so. Ich habe mir ein zweites Ich geschaffen auf der Erde. Natürlich mit einer Sondergenehmigung vom Korps." Ich musste grinsen, "eine tolle Type habe ich da kreiert, Don King. Völlig neben der Spur, eine irre Frisur, aber sehr erfolgreich. Nur mit den besten Boxern veranstalte ich Kämpfe; kommen gut an, diese Spektakel. Auf der Erde gibt es ein Sprichwort: Das Volk braucht Brot und Spiele. Manche von diesen Sportlern sind auch gute Showtalente. Der Beste, den ich jemals hatte, war Cassius Clay, nannte sich später Muhammad Ali. Der war unbezahlbar." Ich geriet ins Schwärmen.
"War er wirklich so gut?"
"Ein super Showman. Ich hatte überlegt, ihn für eine Karriere im Universum vorzuschlagen. Aber leider hatte er schlechten Umgang. Religion nennen sie das auf der Erde. Es ist der Glaube an etwas Übernatürliches, das die Geschicke der Erdlinge lenkt. Nette Bezeichnung für die Universumsregierung."
Quonar musste lachen. "Wirre Vorstellungen. Sind wirklich sonderbar, diese Erdlinge. Aber wie sind sie auf diese merkwürdige Denkweise gekommen?"
"Hmmm, nicht alles läuft glatt. Auch bei uns im Korps geht schon mal etwas schief. Als wir das Projekt Erde begonnen haben, sind einige Mitarbeiter über das Ziel hinaus geschossen. Sie hatten klare Aufgaben, haben sich aber dann als Eiferer erwiesen und haben viel mehr gemacht als sie sollten. Die Erdlinge haben sie verehrt und aus dem, was sie sagten und taten, sind Religionen entstanden. Bedauerlich."

Das Meer der Sterne hatte eine volle Umdrehung vollführt, traumhaft funkelte die Galaxis in ihrer Schönheit über mir. Ich war müde, von der Reise, von den Eindrücken, von meiner Freude. Ich sehnte mich nach meinem Bett und einem langen Schlaf.
"Ich bin müde."
Quonar nickte mir zu. "Ich auch, es war ein langer Tag. Und morgen fängt direkt mein Urlaubsprogramm an. Ich habe eine Wüstentour gebucht und danach noch einen Abstecher ins ewige Eis."
"Wenn wir uns nicht mehr sehen sollten, melde dich mal, würde mich sehr freuen."
"Mich auch, lass von dir hören."
"Wenn du kannst, besuch mich mal auf der Erde. Wirklich sehenswert, dieser Planet, er würde dir bestimmt gefallen und ich fände es echt toll. Mich kennt da fast jeder, frag einfach nach Bill, Bill Clinton."