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Autorenwettbewerb 2009
1. Platz: "En passant"

Christian E. Jäkel

Internet-Forum über "Außerirdisches Leben". 1. Juni:

Credo - 16.31: An alle Zweifler, die immer sagen, sie glauben erst an Außerirdische, wenn sie einen treffen. Ich habe gerade das Video von Stan Romanek auf Youtube gesehen, in dem er einen Alien vor dem Fenster gefilmt hat. Was wollt ihr eigentlich noch?

Scetti - 16.55: Ich hab's mir angesehen. Toll. Grauer Kopf, große Augen. Komisch nur, dass Romaneks Alien genau aussieht wie der aus der Akte-X-Serie. Woher wussten die das bloß?

Complot - 17.51: Stellt euch mal folgendes Szenario vor: Das Roswell-Objekt war wirklich ein UFO und ist wirklich in Area 51 eingelagert. Jemand weiß das und will es an die Öffentlichkeit bringen, möchte aber nicht riskieren, umgebracht zu werden. Also verpackt er sein Wissen in eine Story und veröffentlich diese als Mystery-Serie. Dann ist es doch logisch, dass die Aliens wirklich so aussehen wie im Film.

Speranda - 18.07: Wenn Akte X die Wahrheit wäre, dann gäbe es eine außerirdische Verschwörung gegen die Menschheit. Welchen Grund sollten Aliens haben, so etwas zu machen?

Complot - 18.08: Stichworte: Siedlungsraum, Rohstoffquelle, Menschen als Versuchskaninchen!

Scetti - 18.09: Wer ist so bescheuert und reist durch die halbe Galaxis, um auf der Erde Rohstoffe oder Versuchskaninchen zu finden? Kennst du die Ziolkowski-Gleichung? Wie viel Kilo Sprit brauchst du, um ein Kilo Sprit von der Erde wegzubringen?

Credo - 18.10: Sie könnten eine HiTech haben, bei der die Ziolkowski-Gleichung für sie nicht mehr gilt.

Scetti - 18.12: HiTech, ja? Und dann durch Vorgärten schleichen und sich dabei am Fenster filmen lassen?

Speranda - 18.13: Und wenn die Aliens einfach neugierig sind? Nur weil es auf der Erde üblich ist, auf der Suche nach Öl oder Gold alle umzubringen, die im Weg sind, müssen sie es nicht auch tun.

Internet-Forum über "Außerirdisches Leben". 2. Juni:

Peregrin - 17.07: Hallo. Ich habe mit Interesse eure Diskussion gelesen. Ihr habt merkwürdige Vorstellungen von Außerirdischen. Vielleicht würdet ihr einen Alien oder sein Raumschiff gar nicht erkennen, weil eure Vorstellungskraft an euren Planeten gebunden ist.

Complot - 17.08: Was meinst du? Dass Aliens aus einer Gaswolke oder einem Energiefeld bestehen?

Speranda - 17.10: Ich glaube, er meint, dass wir uns nicht vorstellen können, welche Erscheinungsformen Leben annehmen kann. Ein Känguru kann sich vermutlich auch nicht vorstellen, dass man Kinder anders als in einem Beutel aufziehen kann.

Penseur - 17.12: Eine auf der Erde unübliche Lebensform sollte man erst recht erkennen.

Peregrin - 17.58: Ich meine genau, was Speranda verstanden hat. Leben muss für euch nicht wie Leben aussehen. Tut mir Leid, dass ich nicht eher antworten konnte, ich habe eine sehr schlechte Verbindung.

Internet-Forum über "Außerirdisches Leben". 3. Juni:

Speranda - 19.06: Schön, dass du noch da bist, Peregrin. Ich hatte gefürchtet, wir hätten dich verschreckt. Denkst du auch, dass es Neugier ist, die Aliens bewegen könnte, die Erde zu besuchen?

Complot - 19.12: Du weißt, was die Spanier in Südamerika und die Franzosen in Afrika gemacht haben?

Speranda - 19.13: Reden wir über die Spanier oder über Aliens?

Complot - 19.14: Die Forschungsgelder der NASA werden rapide gekürzt. Das würde sich höchstens ändern, wenn plötzlich eine Marssonde Erdöl oder so etwas auf dem Mars fände.

Penseur - 19.15: Nachdenken, Leute! Für die NASA gilt die Ziolkowski-Gleichung nun mit Sicherheit. Übrigens: Erdöl auf dem Mars wäre ein eindeutiger Beweis für außerirdisches Leben, oder?

Speranda - 19.16: Complot, du bist unbelehrbar pessimistisch.

Complot - 19.17: Speranda, du bist unbelehrbar optimistisch.

Peregrin - 19.45: Neugier ist ein starkes Motiv. Ihr schickt doch Raumsonden zu anderen Planeten, weil ihr sie erforschen wollt, und nicht, um sie auszubeuten.

Internet-Forum über "Außerirdisches Leben". 4. Juni:

Krion - 18.00: Ihr habt einen wichtigen Aspekt übersehen. Wer uns technisch so weit überlegen ist, dass er Raumschiffe zur Erde schicken kann, ist uns vermutlich auch moralisch weit überlegen. Vielleicht meinen die außerirdischen Besucher es gut mit uns und wollen uns den Frieden bringen.

Complot - 19.00: Was bist du denn für einer? Hey, das Esoterik-Forum ist zwei Mausklicks weiter, okay?

Speranda - 19.01: Frieden bringen - ich fände den Gedanken zumindest faszinierend.

Scetti - 19.02: Wie soll man sich wohl vorstellen, wie irgendwer der Erdbevölkerung den Frieden bringen soll? Von der Sorte waren hier immerhin schon ein paar. Buddha und Christus, um mal zwei Namen zu nennen. Und seht euch doch mal um: was haben sie erreicht? Meint ihr, Aliens können das besser?

Penseur - 19.04: Friede von außen wäre bestenfalls eine Diktatur mit überlegenen Waffen.

Speranda - 19.05: Verzeiht die Anwandlung einer hoffnungslosen Träumerin, die sich nach Frieden sehnt.

E-Mail von Peregrin an Speranda. 5. Juni, 15.31: Hallo Speranda. Ich habe gerade entdeckt, dass es in eurem Forum eine Funktion 'E-Mail an Autor' gibt. Ich hoffe, es ist dir nicht unangenehm, wenn ich mich so direkt an dich wende. Aus deiner einen Eintragung schließe ich, dass du weiblich bist. Ist das richtig? Du scheinst diejenige aus dem Forum zu sein, die am ehesten versteht, was ich meine. Ich finde es enttäuschend, dass die meisten von Außerirdischen entweder die Lösung ihrer Probleme oder eine Invasion erwarten. Ich bin Forscher und finde es faszinierend, Erkenntnisse zu gewinnen und das Unbekannte zu entdecken, ohne es zu zerstören. Ist das nicht ein hinreichender Beweggrund? Peregrin.

E-Mail von Kristine Eckermann an Peregrin. 6. Juni, 23.45: Guten Tag, Peregrin. Ich nehme an, das ist nicht dein richtiger Name? Ja, ich bin eine Frau und heiße eigentlich Kristine. Vielen Dank für deine Mail. Nein, es ist mir nicht unangenehm. Deine hohe Meinung von Forschern kann ich aber nur bedingt teilen, auch wenn du einer bist. Es gibt genug Beispiele, in denen Forschungsreisende in ihrem Wissensdurst Kulturen zerstört, Tiere aus ihrem Lebensraum herausgerissen und auf Nadeln gespießt, in Zoos oder Labors geschleppt und andere schlimme Dinge getan haben. Ich verstehe schon, dass Leute glauben, Außerirdische entführen Menschen, um sie zu untersuchen; einfach, weil sie es auch so machen würden. Aber ich hoffe, sie irren sich. Du darfst mir gern weiter schreiben. Liebe Grüße, Kristine.

E-Mail von Peregrin an Kristine Eckermann. 7. Juni, 00.27: Guten Tag, Kristine. Danke, dass ich dir weiter schreiben darf. Ich finde, Peregrin ist ein guter Name für mich. Ich habe herausgefunden, dass er in einer alten Sprache der Erde die Bedeutung 'Wanderer' hat. Ich versichere dir, dass ich kein Forscher bin, der Lebewesen auf Nadeln spießt. Aber ich bin eben neugierig. Man könnte sagen, als Forscher ist es mein Auftrag, neugierig zu sein. Wenn es dich nicht stört, erzähle mir doch ein wenig von deinem Leben. In welcher Stadt, in welchem Land wohnst du? Wie ist es da, wo du bist? Was arbeitest du? Peregrin.

E-Mail von Kristine Eckermann an Peregrin. 7. Juni, 21.04: Guten Tag, Peregrin. Du bist wirklich neugierig. Aber ich finde es äußerst angenehm, dass deine ersten Fragen nicht sind, ob ich einen Freund habe und ob wir uns treffen können. Deswegen will ich dir deine Fragen gern beantworten. Ich wohne in Deutschland, den Ort kennst du sicherlich nicht, er ist ein kleines Dorf und heißt Borstel. Meine Arbeit ist das Betreuen von Kindern in einer Tagesstätte. Die Arbeit macht mir Freude, aber es ist anstrengend und ich genieße den Feierabend gern auf der Terrasse in der Sonne liegend (wenn sie mal scheint), dann lese ich und habe meine Katze auf dem Schoß. Du scheinst ein Nachtarbeiter zu sein, wenn ich mir die Uhrzeit deiner letzten Mail ansehe - ach, ich weiß ja gar nicht, in welcher Zeitzone du wohnst. Ist das deine Ortszeit? Liebe Grüße, Kristine.

E-Mail von Peregrin an Kristine Eckermann. 7. Juni, 21.47: Guten Tag, Kristine. Danke für deine Mail. Nein, ich werde dir sicherlich nie ein Treffen vorschlagen, obwohl ich ein wenig neugierig bin, wie du wohl aussiehst. Nachtarbeiter? Weißt du, ob es Tag oder Nacht ist, spielt bei meiner Arbeit keine so große Rolle. Ich bin dabei nicht draußen. Das Betreuen von Kindern ist bestimmt eine schöne Arbeit. Wie ist es, wenn man in der Sonne liegt, und wenn man eine Katze auf dem Schoß hat? Liebe Grüße, Peregrin.

E-Mail von Kristine Eckermann an Peregrin. 11. Juni, 20.19: Guten Tag, Peregrin. Entschuldige, dass ich dich so lange auf eine Antwort habe warten lassen. Ich hatte furchtbar viel zu tun, außerdem war das Wetter schlecht, und ich konnte nicht auf der Terrasse liegen, dabei wollte ich dir doch schreiben wie das ist. Heute Nachmittag klappte es aber mal wieder. Ich habe da einen Liegestuhl. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich die Wärme der Sonne auf der Haut, und wenn ein leichter Wind weht, gibt es einen angenehmen Widerstreit zwischen Wärme und Kühle. Außerdem ist an der Zimmertür ein Vorhang, der dann im Wind raschelt. Es riecht nach Rosmarin und Basilikum, weil ich diese Gewürze in einem Blumentopf ziehe. Meine Katze ist ein Kater, der ganz weiß ist, deshalb habe ich ihn Schneeball genannt. Er legt sich gern auf meinen Schoß. Erst dreht er sich eine Weile herum, bis er eine bequeme Stellung gefunden hat. Dann fängt er an zu schnurren. Ich streichle sein weiches, seidiges Fell. Sein Körper vibriert dabei dann unter meinen Händen wie eine sanfte Massage. Das kann er machen, bis er Hunger bekommt. In diesen Momenten habe ich ein Gefühl von absolutem Frieden und kann nicht verstehen, warum es auf der Welt Streit und Krieg gibt. Ich hoffe, du hältst mich jetzt nicht für kindisch? Liebe Grüße, Kristine.

Bild-Zeitung, 12. Juni: OH GOTT! - KOMET RAST AUF DIE ERDE ZU!

Deutschlandfunk, "Forschung aktuell", 13. Juni, 16.35: Komet Masahiro - bedroht er die Erde? Der Komet Masahiro ist ein nichtperiodischer Komet. Das bedeutet, er stammt aus dem interstellaren Raum und wird unser Sonnensystem nur einmal besuchen. Entdeckt wurde er Mitte April vom japanischen Astronomen Senno Masahiro, nach dem er benannt ist. Kometen bestehen normalerweise aus Eis und Gestein. Bei Annäherung an die Sonne erwärmen sie sich, und die dabei verdampfenden Gase bilden eine Gaswolke, die so genannte Koma. Der Druck der Sonnenstrahlung lässt schließlich das Gas vom Kometenkern wegströmen und es bildet sich der bekannte Kometenschweif. Die Zusammensetzung von Masahiro scheint von der Norm abzuweichen; bislang hat er kaum eine Koma ausgebildet, was auf einen Mangel an flüchtigen Substanzen schließen lässt. Dadurch ist er immer noch sehr lichtschwach; im Fernrohr zeigt er sich als Lichtpünktchen der Größenklasse 15, obwohl er sich der Sonne auf etwa zwei Astronomische Einheiten angenähert hat. Am 31. Juli steht er in Opposition, das heißt, von der Erde aus gesehen verschwindet er hinter der Sonne. Aber noch bis zum 27. August wird er sich der Sonne nähern, erst dann erreicht er den sonnennächsten Punkt in 0,65 Astronomischen Einheiten Abstand. Seine Geschwindigkeit wird dann 62 Kilometer pro Sekunde betragen. Diese hohe Geschwindigkeit wird ihn anschließend auf Nimmerwiedersehen aus dem Sonnensystem hinausschleudern - falls es unterwegs nicht zu einem Zusammenstoß kommt. Tatsächlich führt seine Bahn den Kometen nahe an Mars, Venus und Erde vorbei. Die Begegnung mit der Erde wird am 23. September erwartet, mit immerhin noch knapp 54 Kilometer pro Sekunde. Da Masahiro die Sonne retrograd umläuft, also in umgekehrter Richtung wie die Erde und alle anderen Planeten, würde es dann so etwas wie einen Frontalzusammenstoß geben. Der Einschlag hätte, je nach Masse des Kometen, die Wucht etlicher Atombomben und könnte einen Kontinent wie Australien komplett verwüsten. Die Chance dafür ist gering, aber nicht völlig gleich Null. Die Begegnung mit Venus, die für den 6. September erwartet wird, könnte die Bahn von Masahiro noch einmal beeinflussen und so seinen endgültigen Kurs festlegen. Bis dahin müssen wir wohl abwarten.

E-Mail von Kristine Eckermann an Peregrin. 16. Juni, 22.12: Hallo Peregrin. In den letzten Tagen war ich zu keinem klaren Gedanken fähig. Sicher hast du von dem Kometen gehört. Viele Leute haben Angst. Ich weiß nicht, ob ich auch Angst habe. Es ist eher ein Gefühl von Leere. Alles was ich tue, ist plötzlich völlig sinnlos. Die Kinder, die ich betreue, sind vielleicht in ein paar Monaten alle tot. Ich habe Alpträume und male mir immer wieder aus, wie es sein wird, wenn dieser Felsbrocken auf die Erde schlägt. Tut mir Leid, dass ich dich mit meinen Gedanken belästige, du hast selbst deine Sorgen, vermute ich. Aber ich weiß nicht, wem ich es sonst erzählen soll. Kristine.

E-Mail von Peregrin an Kristine Eckermann. 16. Juni, 22.54: Liebe Kristine. Ganz schnell eine Antwort auf deine besorgte Mail. Es ist mir sehr unangenehm, dass jemand sich solche Sorgen machen muss. Ich hoffe, du glaubst mir, wenn ich dir versichere, dass du dir keine Gedanken zu machen brauchst. Es wird keine Kollision mit der Erde geben. Das Masahiro-Objekt wird nach meiner Berechnung in 364000 km Entfernung an der Erde vorbeifliegen. Liebe Grüße, Peregrin.

E-Mail von Kristine Eckermann an Peregrin. 17. Juni, 19.20: Lieber Peregrin. Eben fand ich deine Mail von gestern. Danke, dass du mich beruhigen willst. Ich würde dir so gern glauben. Aber wie kannst du das wissen, wenn doch in der Zeitung steht, es entscheidet sich erst nach dem Venus-Vorbeiflug ? Kristine.

E-Mail von Peregrin an Kristine Eckermann. 17. Juni, 20.02: Liebe Kristine. Du weißt, dass in euren Zeitungen nicht immer alles die pure Wahrheit ist. Du kannst mir vertrauen. Ich habe hier, gewissermaßen beruflich bedingt, eine ausgesprochen leistungsfähige Rechenmaschine zur Verfügung. Peregrin.

Bild-Zeitung, 18. Juni: KOMET - BÖRSENKURSE FALLEN, SELBSTMORDRATE STEIGT!

E-Mail von Kristine Eckermann an Peregrin. 19. Juni, 18.55: Lieber Peregrin. Mein Herz will dir glauben, aber mein Verstand sträubt sich. Entschuldige. Ich bin sehr durcheinander, ich kann im Moment nichts erzählen. Erzähl mir etwas von dir. Wo kommst du her? Was für ein Forscher bist du? Erzähl mir irgend etwas, damit ich weiß, dass du da bist. Deine Kristine.

E-Mail von Peregrin an Kristine Eckermann. 19. Juni, 19.39: Liebe Kristine. Von mir? Ich will es versuchen. Es ist lange her, seit ich auf Forschungsreise ging. In meiner Heimat war es sehr kalt, verglichen mit deiner. Ich wuchs an der Küste auf. Meistens schlugen die Wellen brausend gegen das Steilufer. Über dem Meer waren oft Polarlichter, die sich darin spiegelten. Ich habe diesen Klang und die Farben geliebt. Ich entschied mich für den Beruf des Planetenforschers, du würdest wohl Geologe sagen...

E-Mail von Peregrin an Kristine Eckermann. 29. Juli, 14.15: Liebe Kristine. Entschuldige, wenn du jetzt ein paar Tage nichts von mir hörst. Ich bin für eine Weile ein wenig daran gehindert, dir zu schreiben. Aber ich vergesse dich nicht und melde mich wieder, sobald ich kann. Dein Peregrin.

E-Mail von Peregrin an Kristine Eckermann. 2. August, 12.01: Liebe Kristine. Ich bin wieder da. Ich habe mit Bedauern gelesen, dass Menschen sich aus Angst das Leben nehmen. Warum tun sie das? Es wird keinen Zusammenstoß geben. Wenn sie das nicht glauben, könnten sie doch wenigstens hoffen. Manches am Denken der Menschen ist mir immer noch fremd. Mit dir ist doch alles in Ordnung? Dein Peregrin.

E-Mail von Kristine Eckermann an Peregrin. 2. August, 19.44: Lieber Peregrin. Danke, dass du dir Sorgen um mich machst. Ich denke, für manche ist der Gedanke unerträglich, eine Katastrophe einfach auf sich zukommen zu sehen und nichts machen zu können. Und dann nehmen sie ihr Schicksal lieber in die eigene Hand, selbst wenn es den endgültigen Schritt bedeutet. Jedenfalls stelle ich mir das so vor...

Bild-Zeitung, 7. September: GERETTET! - ER FLIEGT VORBEI!

E-Mail von Kristine Eckermann an Peregrin. 8. September, 23.05: Lieber Peregrin. Du hattest Recht. Nun steht es auch in der Zeitung: die Katastrophe findet nicht statt. Hier werden Freudenfeste gefeiert. Ich danke dir, dass du mir die ganze Zeit über beigestanden hast. Ich weiß nicht, wie ich es ohne dich und die Hoffnung, die du mir gegeben hast, überlebt hätte. Sprachlos vor Erleichterung, Deine Kristine...

Deutschlandfunk, "Forschung aktuell", 10. September, 16.35: Der Komet, der keiner war. Nachdem nun feststeht, dass das Objekt Masahiro die Erde in 364000 km Entfernung - also noch innerhalb der Mondbahn - passieren wird, können wir uns einen entspannten Blick darauf gönnen, wenn auch nur einen kurzen. Masahiro hat keinen Schweif entwickelt, und die Einstufung als Komet muss revidiert werden. Er wird als Irrläufer-Asteroid von außerhalb des Sonnensystems angesehen, der wohl durch Begegnung mit einem Stern aus seiner Bahn geworfen wurde und dabei auch seine flüchtigen Bestandteile verloren hat. Entsprechend lichtschwach erscheint er. Da er aus Richtung der Sonne kommt, können wir ihn erst bei seinem Vorbeiflug an der Erde am 23. September und vielleicht noch in der Nacht darauf beobachten. Am 23. abends um 19.45 Uhr passiert er als heller Lichtpunkt der Größenklasse minus 3 die Mondsichel und sollte daher gut zu sehen sein. Nach dem 25. wird er rasch verblassen und in Richtung des Sternbildes Steinbock - mit dann immer noch 33 Kilometern pro Sekunde - in den Tiefen des Weltalls verschwinden...

E-Mail von Peregrin an Kristine Eckermann. 14. November, 19.09: Liebe Kristine. Es wird Zeit für mich, dass ich mich von dir verabschiede. Ich werde nun wieder eine weite Reise antreten und kann mich bald nicht mehr bei dir melden. Ich hoffe, du behältst mich in Erinnerung. Ich verdanke dir viel. Und ich habe von dir gelernt, wie es ist, in der Sonne zu liegen und eine Katze zu streicheln. Dein Peregrin.

E-Mail von Kristine Eckermann an Peregrin. 14. November, 20.31: Lieber Peregrin. Schade, dass du fort musst. Gibt es dort, wo du hinfährst, kein Internet? Ich habe in der Aufregung um den Kometen ganz vergessen, dass ich dir ein Bild von mir schicken wollte. Ich hänge es jetzt an diese Mail an. Magst du mir auch eines von dir schicken? Deine Kristine.

E-Mail von Peregrin an Kristine Eckermann. 15. November, 04.21: Liebe Kristine. Danke für das Bild. Nachdem du mir anfangs sehr deutlich klar gemacht hast, dass du keinen zu engen Kontakt wünschst, hätte ich niemals gewagt, von mir aus danach zu fragen. Ich kann dir leider keines schicken. Ich habe hier zwar etliche Kameras, aber ich bin nicht darauf eingerichtet, ein Bild von mir selbst zu machen. Davon abgesehen glaube ich, ich würde dir nicht gefallen. Erinnerst du dich an die Diskussion über Aliens im Internet-Forum? Ich denke nicht, dass welche kommen werden, um der Erde den Frieden zu bringen. Aber wenn Menschen sogar bereit sind, ihr Leben aufzugeben, um ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, sollten sie nicht erst recht in der Lage sein, sich auf ihrem Planeten für Frieden einzusetzen? Immerhin ist Krieg kein so unausweichliches Schicksal wie die Kollision mit einem Kometen. Leb wohl. Ich werde immer an dich denken in meiner langen Einsamkeit. Du bist eine wunderschöne Frau. Dein Peregrin.

 

Titelbild Ausgabe 4/2009

Dieser Text erschien in

Ausgabe 4 / 2009

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