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Autorenwettbewerb 2009: 9. Platz: "Ein Blick zurück"´

Ein Blick zurück

Marcus Mau

Undurchdringliche Finsternis. Vollkommene Leere. Ein plötzlich aufglimmendes gelbes Licht zerreißt die Dunkelheit. Nur zögerlich geht das Zittern der kleinen Glühlampe in ein gleichmäßiges Pulsieren über. Nach und nach tanzen immer mehr gelbe, blaue und rote Blitze durch den Raum, spiegeln sich in glänzenden Bildschirmen, die aus einem langen Schlaf zu erwachen scheinen. Computer beginnen damit, die eingehenden Daten zu analysieren. Der Übertragungsvorgang wird gestartet. In kleinen virtuellen Paketen verpackt, rasen die Informationen von Platine zu Platine bis hinauf in den Sendeturm. Der kleine Satellit beginnt sich zu neigen. Unter ihm dreht sich langsam ein im Vergleich riesiger blauer Planet.

In der großen Wüste nördlich des Äquators hüllt die Sonne alles in grelles, weißes Licht. Ihre Strahlen brennen heiß, lassen jedes tierische und pflanzliche Leben verdorren. Ein riesiger Wolkenkratzer scheint ihrer Kraft dennoch zu trotzen. Immer wieder richten sich seine Stockwerke neu aus, um die in die Scheiben integrierten Sonnenkollektoren optimal zu beleuchten. Im Inneren des Hauses merkt niemand etwas davon, da der drehbar gelagerte Boden der Zimmer stets in Waage gehalten wird. Aus einem unverschlossenen Raum dringen Stimmen in den Korridor. "Sie werden uns den Hahn zudrehen. Das solltest du eigentlich besser wissen als ich" sagt der Dicke mit dem Schnauzbart. Aus seinem Schatten tritt ein sehr viel jüngerer Mann, der die strahlend blaugrauen Augen deutlich übertrieben verdreht. "Wie lange bist du nun schon beim Projekt, he? Sind es 40 Jahre oder doch schon 50? In all der Zeit hattest du jede erdenkliche Unterstützung der Regierung. Warum sollte das jetzt anders sein?" "Weil wir in all der Zeit keinen Beweis für Leben außerhalb unseres Planeten finden konnten" brummt der Alte mit dem Schnauzbart niedergeschlagen. "Machen wir Schluss für heute, Ambrosius."

Er packt seine Tasche und wendet sich zum Gehen. Der Jüngere tut es ihm gleich und folgt. Klackend, wie schon unzählige Male zuvor, schließt sich die Tür hinter ihnen. "Gehen wir noch ins Paradise Inn?", fragt Ambrosius. Der Alte winkt jedoch ab und zieht brummend seines Weges. Die Fahrstuhltüren schließen sich zischend hinter ihm und Ambrosius bleibt allein zurück. Da bemerkt er plötzlich aus dem Augenwinkel, dass hinter der Glastür zum Labor ein kleines Lämpchen aufflackert. Ganz langsam nimmt es einen gleichmäßigen Rhythmus an und erstrahlt immer heller. Sein Herz beginnt zu rasen. Er weiß nicht mehr, ob die Lampe oder sein Herz schneller pulsiert. Das Blut schießt ihm heiß in den Kopf, die Hände schwitzen. Er und der Alte hatten zuletzt oft gewitzelt, ob die Glühbirne überhaupt noch funktionierte. Ambrosius stürzt los, öffnet mit zitternden Fingern die Tür und stürmt an seinen Computer. Jetzt sieht er es deutlich. Datenreihen und Kurven jagen über den Bildschirm. Er berührt den kleinen Sprechapparat an seinem Handgelenk und überschlägt sich beinahe: "Servatius, sie sendet! Station vier sendet! Du musst zurückkommen!" Ambrosius wartet erst gar nicht auf die Bestätigung des Alten. Geschickt lässt er seine schlanken Finger über die Tasten tanzen und isoliert mehrere Signalspuren. Hintergrundrauschen! Alles nur Hintergrund, denkt er geknickt. Das Display vor ihm pulsiert und friert eine der Spuren ein. "Unbekanntes periodisches Signal" liest er leise. Im selben Moment wird die Labortür geöffnet und Servatius stürzt wild keuchend herein. "Nach all den Jahren voller Enttäuschungen! Endlich. Wo ist es? Lass mich mal sehen!" Das Blut gefriert ihm beinahe in den Adern als er die gleichmäßig geschwungenen Sinuskurven erblickt. "Schick es durch den Verstärker und versuche, die Sequenz zu entschlüsseln, Ambrosius. Wir haben nur diese eine Chance! Laufen die Aufnahmegeräte?" Der Alte keucht schwer und doch lässt ihn die Erwartung auf eine großartige Entdeckung vor Energie überschießen. Ambrosius schwingt sich gekonnt in seinen Stuhl an der Aufnahmestation und lässt das Signal durch die Sequenzer laufen. Es ist wirklich sehr schwach, kaum mehr zu entdecken. Das spricht dafür, dass es einen sehr weiten Weg hinter sich haben muss, der seine Energie fast aufgezehrt hat.

"Ich versuche, Station vier neu auszurichten und nehme auch die Stationen fünf und sechs dazu, um die mögliche Quelle zu lokalisieren." "Nein, stopp!", schreit Servatius. "Wir werden noch das Signal verlieren. Nimm nur die Stationen fünf und sechs. Richte sie auf folgende Koordinaten! Ich habe da eine Idee!" Ambrosius blickt skeptisch auf den vergilbten Zettel, den der Alte aus seiner Schreibtischschublade fingert. Vor Jahren hatte Servatius einen kleinen Planeten entdeckt, der eine Sonne ganz ähnlich der ihren umkreiste, aber zu weit entfernt war, um ihn jemals erreichen zu können. Es wäre doch denkbar, dass es dort eine Zivilisation gibt, die gerade in diesem Moment, nun ja, genaugenommen zu einem sehr viel früheren Moment, auch ihren Planeten beobachtet oder sogar kontaktiert hat, träumt der junge Mann. "Die Satelliten sind ausgerichtet und aktiviert, Servatius. Laut Computer ist dein Planet zu über 80 Prozent die wahrscheinliche Quelle des Signals!" Ambrosius sieht die tiefe Genugtuung im Gesicht des Alten. Sein ganzes Leben hatte dieser hierfür gekämpft. Er hatte Freunde und zuletzt seine Familie dadurch verloren, dass er immer versuchte, den letzten Beweis für die Existenz außerirdischen Lebens zu finden. Keine der Raumsonden und Forschungssatelliten konnte je überzeugende Beweise liefern. Aber jetzt hatte er endlich einen Planeten entdeckt, der mit seiner Heimatwelt in Kontakt treten konnte. "Funktionieren unsere Sender noch?", fragt Servatius leise und mit starrem Blick. Ambrosius packt ihn sanft bei den Schultern und bemerkt wie sich Tränen aus den Augen des Alten lösen. Beide wissen, dass es sinnlos ist, den Kontakt herstellen zu wollen. Keine bekannte Technologie könnte ihnen dabei helfen, in Echtzeit mit den Fremden zu sprechen. Und das fast ausgelöschte Signal, das sie heute empfangen haben, muss seit Äonen unterwegs zu ihnen gewesen sein. Oder war es vielleicht nicht einmal für sie bestimmt?

Was beide nicht wissen können: Vor Jahrtausenden war der von Servatius entdeckte blaue Planet der Dritte in einem kleinen Sonnensystem und wurde von den Menschen, die ihn bewohnten, Erde genannt. Über viele Jahrhunderte hinweg höhlten sie ihren einzigen Lebensraum in den Weiten des Alls ungebremst und selbstsicher immer weiter aus. Sie wollten den Mars besiedeln, den Mond für sich erobern und mussten doch sehr schnell feststellen, dass es viel leichter war, eine Welt zu zerstören, als sie neu zu erschaffen. Viele erdähnliche Planeten wurden entdeckt und blieben doch auf ewig unerreichbar für die Menschheit. In einem letzten verzweifelten Schritt wandten sie sich mit einem Hilferuf an den nächstgelegenen von ihnen. Ihre Bitten hallen als verklingendes Echo auch heute noch in den Weiten des Weltraums, doch die Stimmen, die sie schickten, sind längst verstummt.

So könnte denn ein jeder Blick zu den Sternen auch stets ein Blick in den Spiegel der eigenen Geschichte sein.