Sternzeit > Autorenwettbewerb 2009 > Aktuelle Seite

Autorenwettbewerb 2009
4. Platz: "14"

Daniel Kalbermatter

14 hangelte sich durch die Luke in den Wohnbereich zurück. Mit einer Leichtigkeit, die von Gewohnheit zeugte, federte sie den Sturz ab, als die Schwerkraft wieder einsetzte. Ihr Kontrollgang war verlaufen wie immer, alles schien in Ordnung zu sein.

Sie wäre auch ziemlich erstaunt gewesen, wenn nicht alles in Ordnung gewesen wäre. Eigentlich lief ja immer alles wie es sollte, der Computer war dafür zuständig. Sie war nur für den unwahrscheinlichen Fall da, dass dieser mal ausfallen oder falsch funktionieren sollte. Im Grunde war sie dazu im Stande, so quasi jedes Teil des Schiffes zu reparieren oder zu ersetzen; sie könnte sogar den Computer neu installieren, wenn es sein müsste - doch sie glaubte nicht wirklich daran, dass sie jemals gebraucht werden würde.

Von daher verlief ihr Tagesablauf eigentlich ziemlich ereignislos und angenehm. Nach der Schlafperiode machte sie ihren Rundgang durch die Steuer- und Antriebssysteme des Schiffes, dann nahm sie eine Mahlzeit zu sich und beschäftigte sich bis zur nächsten Mahlzeit. Dann war die Routinekontrolle der Hibernationsbehälter an der Reihe und anschliessend wieder eine mehrstündige Freizeit. Schließlich nahm sie ihre dritte Mahlzeit zu sich, vergewisserte sich, dass die Kühlung der Vorräte und die Lebenserhaltungssysteme richtig funktionierten, bevor sie sich wieder auf ihre Pritsche legte, um zu schlafen.

Auch an diesem Tag ging sie zur Ess-Station und nahm sich ihre erste Mahlzeit, bevor sie sich in einen Sessel setzte, um zu essen. Während sie langsam auf dem geschmacksneutralen Nährstoffriegel kaute, ließ sie ihren Blick über die Anzeigen des Computers schweifen. Ein Blick auf die Leuchtanzeige bestätigte ihr nur, was sie schon wusste: Jahr 7 - 23. Juli - 08:23. Konkret hieß das, es waren sieben Jahre vergangen, seit sie ihre Aufgabe aufgenommen hatte - und es würden noch etwas weniger als 13 Jahre vergehen, bis ihre Aufgabe erfüllt sein würde. 13 mal 365 Tage.

Sie hatte nie so recht verstanden, welchen Sinn es machte, Tage zu Monaten und Jahren zusammenzufassen. Und noch weniger begriff sie, wieso ein Jahr 365 Tage haben musste, und nicht hundert oder tausend, was doch viel einfacher gewesen wäre. Aber daran hatte sie wohl nicht zu zweifeln - wenn das da so stand, dann mochte das wohl einen Sinn haben. Immerhin war der Rest der Einrichtungen und Gerätschaften auf dem Schiff auch zweckmäßig. Alles erfüllte seine Aufgabe. Auch wenn 14 vieles davon nicht verstand, kannte sie dennoch jeden Winkel des Schiffes auswendig und wusste, wie sie die Geräte notfalls reparieren konnte. Sie kannte sogar jene Orte, an denen sie noch nie gewesen war. Sie brauchte nicht hinzugehen, sie wusste, wie es aussah. Da war zum Beispiel der kleine Raum mit den Sauerstoffmasken und den Feuerlöschern, der gleichermaßen als Schutzraum diente; sie war noch nie da gewesen, konnte sich dort aber notfalls im Schlaf zurechtfinden.

Sie aß ihre Mahlzeit zu Ende und fing dann mit ihrer allmorgendlichen Beschäftigung an. Zahlenrätsel waren ihre bevorzugte Tätigkeit, dabei konnte sie sich entspannen. Die Zahlen gaben ihr Sicherheit und das Knobeln ließ die Zeit schneller vergehen. Als sie nach einer Weile aufsah blinkte da ein rotes Lämpchen. Sie nahm es zuerst gar nicht wahr und senkte den Kopf schon wieder über den Bildschirm, als sie realisierte, dass es da war.

Rotes Licht! Das hieß, Notfallprotokoll einhalten. Aktuelle Tätigkeit einstellen und den Zentralcomputer konsultieren. Sie schaltete das Rätsel aus und begab sich an die Hauptkonsole. "Unteres Leittriebwerk defekt", stand da in roten Lettern. Ihr Verstand ging sofort alle möglichen Ursachen durch. Das Drehgelenk konnte klemmen, weil sich Staub darin angesammelt hatte, das war nicht allzu unwahrscheinlich. Die kleine Außenrakete konnte auch von einem kleinen Asteroiden beschädigt worden sein, das war jedoch sehr unwahrscheinlich. Sie befand sich im leeren Raum, sie wusste nicht, wo der Asteroid hätte herkommen sollen. Außerdem hätte der Computer ihn registriert und abgeschossen. Es konnte natürlich auch einfach ein Verschleiß oder eine Fehlfunktion der elektronischen Bauteile sein, dann müsste sie die auswechseln. Nervosität überkam sie - eine unerwartete Situation, das war neu für sie.

14 fing sich aber sofort wieder. Sie musste raus, das war klar. Hier drinnen würde sie das Problem nicht erkennen können, geschweige denn beheben. Als hätte sie die Prozedur schon häufig durchgemacht, verfiel sie automatisch in das entsprechende Verhaltensmuster. Sie ging an die nächste Konsole, um dem Computer zu melden, dass sie rausgehen würde. Dann kletterte sie in den Mittelgang. Dort angekommen, fiel auch erwartungsgemäß die Schwerkraft aus und sie hangelte sich durch den Schacht bis ans Ende hin und öffnete die schwere Türe zur Luftschleuse.

Sie war noch nie draußen gewesen, wusste jedoch, was sie zu tun hatte. Sie musste durch die Luftschleuse. Obwohl sie noch nie zuvor in der Luftschleuse gewesen war, wusste sie schon im Voraus, wo sie das benötigte Material finden würde. Links hingen zwei Anzüge - der zweite, falls der erste ausfallen sollte. An der rechten Seite war die Steuerung der Luftschleuse mit ihren übergroßen Knöpfen, die die Bedienung mit den dicken Handschuhen des Raumanzugs ermöglichten. Daneben hing an einem Haken der Kasten mit den Werkzeugen und Kontrollgeräten, die sie nach draußen mitnehmen würde. Zumindest sollte er das.

Verblüfft blieb sie einen Moment stehen. Das konnte doch nicht sein, wieso lag der Kasten auf dem Boden und hing nicht am Haken? Sie war hier noch nie gewesen, also musste er doch noch immer am ursprünglichen Ort hängen. Sie konnte sich das beim besten Willen nicht erklären. Doch das war im Moment nicht von Belang, sie musste nach draußen, um das Leittriebwerk zu reparieren, bevor die Kursabweichung zu groß wurde. Es würde zwar Jahre dauern, bis die Kursabweichung nicht mehr korrigierbar würde bei dem aktuellen Kurs, doch Treibstoffsparen war das oberste Gebot auf dem Schiff. Treibstoff konnte nicht nachgefüllt werden, also hieß es, so wenig wie möglich die Triebwerke einzusetzen und möglichst nur mit der vorhandenen Geschwindigkeit zu reisen.

Die langwierige Prozedur, die nötig war, um in den Anzug zu steigen, die Dichtungen zu überprüfen und die Luft aus der Schleuse zu pumpen, kannte sie im Schlaf. Schritt für Schritt arbeitete sie die vorgegeben Anweisungen ab, bis sie dann schließlich nach draußen konnte. Eine knappe Viertelstunde später hatte sie sich bis zum Triebwerk gehangelt und konnte nun nach der Ursache des Problems suchen.

Sie musste auch nicht lange suchen, bis sie das Problem gefunden hatte: Das Triebwerk war blockiert - mit einem Schraubenschlüssel. Das Werkzeug war so zwischen Wand und Triebwerk eingeklemmt, dass das Triebwerk sich unmöglich ausrichten konnte. Darum hatte sich der Computer auch gerade jetzt gemeldet, weil er das Triebwerk nicht bewegen konnte, als er eine Kurskorrektur machen musste.

Das Problem war dementsprechend auch relativ schnell gelöst - sie musste nur den Schraubenschlüssel herausnehmen. Damit war ihre Aufgabe getan: Das Problem war gelöst und dem Wiederholungsfall brauchte sie nicht vorzubeugen, da Schraubenschlüssel in der Leere auf halbem Weg zwischen der Sonne und Gliese 581 relativ rar waren und es daher ziemlich unwahrscheinlich war, dass sich da noch ein Schraubenschlüssel verirrte.

Dennoch wunderte sie sich natürlich, wie der Schraubenschlüssel da hingekommen war. Er konnte ja nur aus dem Schiff stammen, doch sie hatte ihn da nicht hingetan und sie konnte sich nicht erklären, wie er da von selbst hingekommen war. Eigentlich sollte der Schraubenschlüssel im Werkzeugkasten in der Luftschleuse liegen. Es hätte ja sein können, dass er beim Öffnen der Luftschleuse rausgeflogen war und sich dann zufällig im Triebwerk verhakt hatte, doch das machte natürlich keinen Sinn, da ja der Fehler schon da gewesen war, bevor sie die Schleuse geöffnet hatte.

Sie begab sich wieder zurück ins Schiff. Sie wusste, dass es gegen die Vorschriften war, Nachforschungen anzustellen, doch sie kam nicht umhin sich zu fragen, was es mit der Sache auf sich hatte. Darum konsultierte sie auch gleich den Computer über frühere Kurskorrekturen. Denn konnte sie herausfinden, wann das Triebwerk zum letzten Mal benutzt worden war, so konnte sie den Zeitraum einschränken, während dessen die Anomalie aufgetreten war.

Die Ausgabe des Computers ließ sie stutzen, es hatte in den letzten sieben Jahren keine einzige Kurskorrektur gegeben. Da stand jedoch auch, dass das Triebwerk in den ganzen sieben Jahren nicht betriebsfähig gewesen war, der Computer hatte das nur erst gemeldet, als eine Kurskorrektur notwendig geworden war und die Computersysteme das Problem nicht selber lösen konnten.

Doch irgendwie machte das keinen Sinn. Das würde ja heißen, dass der Schraubenschlüssel da schon von Anfang an gewesen wäre, und das war entgegen ihren Instruktionen. Außer natürlich... Sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Das war absurd, es machte keinen Sinn.

Trotzdem ließ sie der Gedanke nicht los. Sie ging zum Computer, ging auf Datumssuche und gab unter Jahr "-1" ein. Der Computer reagierte mit einem prompten : ZUGRIFF VERWEIGERT - ZUGANG BLOCKIERT. Wie naiv sie auch gewesen war zu denken, es hätte etwas vor Jahr 0 gegeben. Sie hätte sich ja schließlich daran erinnern müssen. Vor sieben Jahren hatte sie begonnen zu existieren, und so auch alles um sie herum. Auf dieser Spur würde sie nicht weiter kommen. Sie musste nochmal hinausgehen und sich am Triebwerk umsehen, ob sie da etwas finden würde.

Eine halbe Stunde später war sie wieder draußen. Sie hatte kaum die Tür zugezogen, als sie ein klickendes Geräusch wahrnahm. Sich am Griff festhaltend, schwang sie herum und besah sich die Tür. Sie war automatisch verriegelt worden. Das war nicht gut, sie konnte nur von innen geöffnet werden. Sie musste auch nicht lange überlegen, um die Ursache zu finden: Der Computer musste sie ausgesperrt haben, weil sie Recherchen auf eigene Hand gemacht hatte. Kalt und erstaunlich unberührt registrierte sie, dass ihr Luftvorrat noch für eine Stunde reichen würde, die Batterien für 75 Minuten.

Sie würde wohl erbärmlich ersticken - oder erfrieren, wenn sie Luft sparte -, das schien unvermeidbar. Doch sie geriet nicht in Panik, sie wusste, dass das ihr Leben nur noch verkürzt hätte. Doch wenn sie schon sterben musste, so wollte sie zuerst wissen, was es mit dem Schraubenschlüssel auf sich hatte. Sie begann, sich in Richtung Triebwerk zu hangeln.

Da war das Triebwerk; inzwischen automatisch ausgerichtet vom Computer, hatte es die minimale Kurskorrektur vorgenommen und war nun wieder inaktiv. Sie hangelte sich näher heran und untersuchte das Triebwerk näher. Nicht lange und ihr Blick fiel auf Risse im Metall. Sie schaute sich das genauer an und sah, dass es Buchstaben waren.

Plötzlich war alles klar. In ihrem Kopf sah sie die vierzehn leeren Kästen im Inkubationsraum und die 20 aktiven, ihr Name. Sie hatte verstanden. Nun fühlte sie sich seltsam frei. Sie packte ihr Messer aus der einen Tasche und setzte ein paar neue Schriftzeichen unter die bestehenden. Dann nahm sie den Schraubenschlüssel aus der anderen Tasche, klemmte ihn wieder so unter das Triebwerk, dass es sich nicht bewegen konnte. Dann atmete 14 tief durch, löste die Sicherungsleine und ließ sich in das Weltall treiben, während sie einen letzten Blick auf die Schriftzeichen in der Wand warf:

Ich bin 13.