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Autorenwettbewerb 2009
16. Platz: "Mit Kaspar Hauser ins Sprungtuch"

Silvia Friedrich

Ich sah ihn zum ersten Mal, als er da am Gartentor stand. Er beobachtete mich. Meine Rosensträucher wollten in diesem Jahr nicht so wie ich es will und so zupfte und schnitt ich an ihnen herum, während dieser Mensch an meinem Holzzaun lehnte und meine Aktivitäten verfolgte. Woher er gekommen war, wusste ich nicht. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, hatte sich in der Nachmittagssonne eine Gestalt aus dem Nichts geschält und sich an meinem Garten postiert.

Irgendwann wurde es mir zu bunt. Ich schritt den schmalen Kiesweg zum Tor auf ihn zu. Je näher ich kam, umso kleiner wurde die Gestalt. So kam es mir jedenfalls vor. Dachte ich noch von weitem, dieser Mensch misst mindestens 1 Meter 90, stand ich nun einem Zwerg gegenüber, der mir grade bis über den Gürtel reichte. "Kann ich ihnen irgendwie helfen?" fragte ich ihn und beugte mich ein wenig zu ihm herunter. Er formte seine rechte Hand zu einem Sonnenschutz, hielt sie über seine Augen und sah zu mir hoch. Hatte er mich überhaupt verstanden? Ich wiederholte meine Frage.

Der Mann rührte sich nicht, blinzelte in die Sonne und schien mich nun aus dieser Nähe noch immer und genauer als vorhin zu beobachten. "Wünschen sie irgendwas? Kann ich ihnen helfen? Warum stehen sie hier herum?" Ich wurde ungeduldiger. Mich nervte diese Person, die mir die schönen Stunden in meinem Garten zerstörte. Er antwortete nicht. Eher hatte ich das Gefühl, dass er ein wenig in meine Richtung schnupperte. Sollte ich schon unangenehm riechen? Ich hatte doch erst geduscht und noch nicht viel getan, was mich zum Schwitzen brachte. Er schnüffelte wie eine Katze, die in einiger Entfernung etwas wittert, die ihre kleine Nase immer wieder in die Luft stößt, um dadurch intensiver wahrzunehmen.

"Würden sie bitte meinen Zaun loslassen," sagte ich. Er reagierte nicht, umklammerte nach wie vor mit seiner linken Hand, die recht klein wirkte, den Holzpfosten. Anscheinend konnte er mich nicht verstehen, stand hier und wollte sicher betteln. Reichte es nicht, dass man mittlerweile vor jedem Supermarkt von armen Menschen aus Ost-Europa um einen Euro angefleht wird und so, ohne es zu wollen, wieder und wieder in das Elend der Welt gestoßen wird? Zumindest in Gedanken. Nun auch noch hier an meinem Gartenzaun.

"Gehen sie!" fuhr ich ihn an. Er sah wortlos zu mir hoch. Ich deutete mit dem Zeigefinger in Richtung Stadt: "Gehen sie dahin, gehen sie!" Er sah meinem Finger nach, so wie ich es bei Katzen oft bemerkt hatte, wenn man ihnen etwas andeuten will. Und wie eine Katze schien auch er nicht zu verstehen, was ich eigentlich wollte. Woher kam er? Was tat er hier? Ein Kaspar Hauser des 21. Jahrhunderts stand da vor meinem Garten und brachte durch seine Anwesenheit unangenehme Störung in meine Idylle.

Ich gab es auf, ging zu meinem Rosenbeet zurück und ignorierte ihn. Betont laut schnitt ich mit der Rosenschere die abgeblühten Knospen ab. Er sollte sich dieses Werkzeug nur genau betrachten. Zur Not würde ich es als Waffe einsetzen.

Es mussten so 7 Minuten vergangen sein, als ich mich umdrehte. Er war weg. Ich hatte weder davoneilende Schritte noch sonst irgendwelche Geräusche vernommen. Er musste also sehr leise davon geschlichen sein. Oder war er ins Haus gegangen? Beunruhigt sah ich durch ein Fenster nach innen. Nein, alles still. Am Besten, ich vergaß das alles wieder.

Am nächsten Nachmittag, etwa um dieselbe Zeit, traute ich meinen Augen kaum. Wieder stand er da, lehnte am Zaun, umklammerte den Holzpfosten und beobachtete mich. Ich rannte ans Tor, diesmal schneller und laut stampfend: "Was wollen sie hier?"

Er sagte wieder nichts, fing meine wild in der Luft gestikulierende Hand ab und hielt sie nun fest. Ich wollte mich lösen, was aber nicht funktionierte. Er zog mich an sich heran wie mit eiserner Faust. Mein ganzes Gezappel nützte nichts und meine Rosenschere, die ich immer noch in der anderen Hand hielt, fiel mir herunter. Dann ließ er mich los, wortlos wie immer.

Ich weiß nicht, warum, aber aus irgendeinem Grunde fühlte ich mich plötzlich von ihm angezogen. Er sah mich aus kleinen, grauen Augen an, verzog ansonsten keine Miene. Wir Menschen sind es gewohnt aus der Mimik zu lesen. Auch Tiere tun das. Hier konnte ich nicht die Spur einer Regung in den Falten des alten Gesichtes erkennen. Sein Mund blieb stets geschlossen. Nie öffnete er ihn zum Atmen oder nur so, weil es an einer Stelle juckte oder kratzte. Alles war irgendwie starr im Gesicht. Wir sahen uns eine Weile stumm an. Ich beobachtete nun ihn genauso wie er mich. Wenn jemand dieses traute Miteinander beobachtet hätte, wäre es sicher zum Lachen gewesen. Aber, ich konnte niemanden wahrnehmen um uns herum. Das Haus liegt sehr weit außerhalb.

Nach endlosem Betrachten des jeweiligen Gegenübers, löste er seinen Blick und öffnete mit seinen spitzen kurzen Fingern geschickt mein Gartentor. Ich reagierte nicht darauf. Irgendwie war es mir egal geworden, ob er da stand, mich ansah, in meinen Garten wollte oder in mein Haus. Ich spürte eine nie gekannte Ruhe in meinem Inneren. So wie wenn eine Beruhigungsspritze langsam zu wirken beginnt.

Mein Kaspar Hauser sagte nichts, jedoch konnte ich ihn verstehen. Ohne Worte. Auf irgendeine, nie gekannte Art und Weise, teilte er mir wortlos Dinge mit, die ich begriff, ohne dass wir sprachen. Vielleicht war es Telepathie. Bisher hatte ich an sowas nie geglaubt. Nun bekam ich Anweisungen, ohne dass ich erklären konnte, wie das vor sich ging. Alpha-II teilte mir mit, dass wir nun eine Reise machen würden. Er sah mich an, ging voran und ich folgte ihm durch das Gartentor. Wir gingen zunächst langsamen Schrittes, dann schneller und irgendwann schien es mir, als ob wir rannten. Alpha-II drehte sich nicht mehr um, was aber auch nicht nötig war, denn ich verstand ihn auch so.

Wenn Sie jetzt glauben, dass er mich zu einem Raumschiff führte, irren Sie sich. Wir saßen im Wald nebeneinander und sahen uns den Himmel an. Optisch wirkte es sicher wie Vater und Sohn, wegen seiner Größe meine ich.

Es war inzwischen ganz dunkel geworden, also ziemlich spät, da es im Sommer nicht so schnell dunkelt. Alpha-II übermittelte mir gedanklich, ob ich ihn begleiten wollte. Ich dachte 'vielleicht' habe aber ein wenig Angst, was da auf mich zukäme. Er suggerierte mir Ruhe und Angstfreiheit. Der Mond stand über uns und in einer seltsamen Konstellation eine Sternenformation, die ich nie vorher gesehen hatte. Alpha-II meinte, dass es nun an der Zeit wäre und wenn ich mit wollte, dann könne es nur jetzt sein.

Ich überlegte kurz. Oder doch etwas länger. Und dann dachte ich ihn an, dass JA! Wir standen auf, starrten an den Himmel, der sich sternenklar zeigte und wie ein Sprungtuch wirkte, in das wir uns nun fallenlassen könnten. Mein Kaspar Hauser mit dem merkwürdigen Namen nahm meine Hand und wir standen auf. Warteten auf eine günstige Gelegenheit und dann sind wir gesprungen.

Mir gefällt es ganz gut in seiner Heimat. Etwas ungewohnt vielleicht, ich hatte anfangs ein wenig Eingewöhnungsschwierigkeiten. Aber - mit meinem Rosengarten lässt es sich hier durchaus vergleichen. Ich werde nie zurückkommen.

Noch ein Hinweis an Sie: Geben Sie acht auf Gestalten, die sich an ihrem Gartenzaun tummeln. So Sie einen haben. Alpha-II hat des Öfteren auf der Erde zu tun.