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Autorenwettbewerb 2009: 12. Platz: "Unterwegs im Schwarzen Loch"

Unterwegs im Schwarzen Loch

Sebastian Gröning

Und so zersprang die Erde wie eine hochgehende Dynamitstange in tausend Teile. Ein Rechenfehler. Wie so oft lag es nur an einem winzig kleinen Rechenfehler, der unabsehbare Folgen hatte.

Wie hatten wir uns gefreut, wie hatten wir gejubelt, als das erste Fusionskraftwerk in Betrieb ging. Mit unübertrefflicher Freude hatten sie die Atomkraftwerke eingerissen, die letzten Brennelemente in die tiefsten Minen geworfen. Sie hatten Kohlekraftwerke gesprengt, die störend lauten Windräder wie Bäume gefällt und der sündhaft teuren Sonnenergie ebenso ein Ende gesetzt. Wer hätte es ihnen verdenken können? Nun da wir saubere Energie besaßen, lärmfreie und vor allem beinahe unbegrenzte Energie. Leider war diese Energie in all ihrer Unbegrenztheit am Ende doch nicht kontrollierbar. Auf der ganzen Erde verteilt, unkontrollierte Fusions-Kettenreaktionen, wir hätten auch gleich Wasserstoffbomben aus dem Weltall auf unseren schönen Planeten schießen können, es wäre dasselbe passiert.

Man hatte mir schon oft vorgeworfen, ein schrecklicher Umweltsünder zu sein, da ich mich der Kernfusion, einer Sache, die ich einfach nicht verstehen konnte und wollte, entzogen hatte. Ich bevorzugte es immer noch, Kerne zu trennen um mein Schiff anzutreiben. Natürlich konnte man durchaus sagen, dass ich mit den abgebrannten Brennelementen, die ich dadurch im ganzen Universum verteilte, eine ungeheure Schweinerei anrichten würde, aber zumindest hatte ich mit dieser Methode überlebt. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem wir die Erde besuchten, um uns das neuste Raumschiffmodell anzusehen, was unsere Forschung so zu bieten hatte. Prächtiges Stück, Fusionsantrieb. Sie reckten mir die Mittelfinger entgegen, mir dem Umweltverschmutzer, der es nicht auf die Geschwindigkeit brachte, die sie mit diesem wundervollen Triebwerk hinbekommen würden. Sie waren der Überzeugung, sie könnten mit Lichtgeschwindigkeit fliegen, hielten sich wohl für Photonen. Kompletter Blödsinn, hätte Einstein gesagt. Sofern er von seinem Grab aus noch die Medien verfolgte, dann hatte er sich wohl darin umgedreht. Was diese Journalisten mit E=mc² angestellt hatten, war aber auch ungeheuerlich. Aber Schwamm drüber. Nun sind diese ganzen Besserwisser ja atomisiert, in ihre Moleküle zerlegt. Vielleicht schaffen sie es ja nun auf 300.000 km in der Sekunde. Das kommt eben davon, wenn man Gott spielen will und sich seine eigene kleine Sonne baut.

"Sir?" Da war er wieder, mein täglicher Wecker, meine mobile Erinnerung. Hatte ihn extra dazu angestellt, mich an alle wichtigen Dinge des Tages zu erinnern, damit ich nichts vergesse. Hielt nie viel von diesen modernen Geräten, die einem auf die Minute genau sagen, was man nun zu tun hat.

"Haben Sie schon ihre Kaliumjodid-Tabletten genommen, Sir?" Ich schüttelte verneinend den Kopf. "Ich danke Ihnen, Fred. Hätte ich beinahe wieder vergessen. Potzdonner, jeden Tag dasselbe. Sie dürfen sich nun entfernen." Er nickte mir kurz zu und verließ den Raum. Guter Mann, wusste immer genau, was er zu tun hatte. Machte keine Fehler. Verlass war auf den Mann. Ich ging also zu meinem Nachtschränkchen und öffnete die oberste Schublade. Die Packung war schon wieder fast leer. Am nächsten Tag würde er mich sicher daran erinnern, mir neue vom Schiffsarzt verordnen zu lassen. Der Gute. Eine treue Seele war das, dieser Fred. Nun war ich gerüstet für den Tag. Hatte doch noch soviel vor mir.

Eines der Triebwerke war mal wieder nicht funktionstüchtig. Mit dem Lift kam ich sofort zu der Stelle. Es leuchtete bläulich heraus aus dem tiefen Loch, in das die Techniker reingekrochen waren. Hatte vergessen, neue Strahlenschutzanzüge zu kaufen. Die alten hatten doch schon mehrere Löcher. Aber das war ja kein Problem. Ich war zu meiner Jugendzeit vollkommen ohne Schutz da runter gestiegen. Mein Dosimeter war zu der Zeit auf Hochtouren. Musste mir dauernd ein neues beschaffen, damit man mich nicht versetzte. Toller Job da unten. Diese Reaktoren hatten mich schon immer fasziniert. Heutzutage trage ich ein umgebautes Dosimeter. Der Wert steigt ab einer gewissen Schwelle einfach nicht mehr an. Die Ärzte haben ja sowieso keine Ahnung. Heilen Krebs mit der Strahlung und meinen im selben Augenblick, man müsse sich davon fernhalten. Unsinn. Ich sonne mich gerne darin. Lässt mich brauner werden und heilt ja Krebs. Man bekommt hier im Weltraum sowieso zu wenig Sonne ab. Ich hätte die Techniker da unten ja gerne besucht, musste aber Wichtigeres erledigen. Wir mussten eine neue Erde finden. Klarer Fall, womit sonst die Besatzung ernähren? Die Pillen hielten ja nur noch für ein Jahr.

Apropos, Fred hatte das Frühstück vergessen. Ich griff zu meiner Seite, an der drei kleine Röhren befestigt waren. Je eine für morgens, mittags und abends. Essen eben, sparte Zeit, verglichen mit der elend langen Dauer einer gewöhnlichen Mahlzeit. Astronautenfutter in Pillenform war die einzige sinnvolle Erfindung dieser Versager auf der ehemaligen Erde. Ich folgte dem Gang, der mich zur Brücke führte. Meine Crew begrüßte mich wie immer herzlich. Ich war ja auch der Chef, mich musste man freundlich begrüßen. Elendige Schleimer. Wer wusste schon, wie viele Mordpläne gegen mich sich hinter diesen ach so klugen Köpfen verbargen. Verstehen konnte ich es ja irgendwie. Hatten alle keine Haare mehr, bleiche Gesichter. Ich hatte mich schon lange dran gewöhnt. Aber sie waren neu hier, Frischfleisch. Sollten mir lieber dankbar sein, dass ich sie praktisch von der Erde gerettet hatte, aber nein, die Haare sind ja wichtiger. Hätten mehr Kaliumjodid schlucken sollen.

Unermüdlich durchforsteten meine Leute die Galaxiekarte nach einem bewohnbaren Planeten. Es war sowieso eine fragwürdige Sache. Wie sollte man mit ungefähr 100 Menschen eine neue Population erschaffen? Vielleicht hätten wir lieber akzeptieren sollen, dass die Menschheit am Ende war. Aber nein, sie waren ehrgeizig, zielstrebig, wollten uns am Leben halten. Also suchten sie tagtäglich nach einer Möglichkeit, eine Kolonie aufzubauen. Mir war das alles schon zuwider. Im Prinzip saß ich nur da und wartete auf Ergebnisse. Wartete darauf, dass mir ein geeigneter Planet vorgestellt würde, um die Sache abzusegnen und fertig. Jeden Tag dasselbe. Tagaus, tagein derselbe Trott. Mit jedem Tag wuchs mein Wunsch nach etwas Neuem, etwas, das Schwung in diesen trüben Alltag bringen würde. Die einzige Hoffnung war, endlich den Planeten zu finden. Dann könnten wir uns wieder interessanteren Dinge zuwenden. Dem wachsenden Schwarzen Loch in der Milchstraße oder ferneren Galaxien, es gab so viel im Weltraum zu entdecken.

Eine Übelkeitswelle überkam mich plötzlich und ehe ich mich versah, erbrach ich auf den Boden. Pfui Teufel, das stank vielleicht! Sofort kam einer der Crew zu mir, half mir aus meinem ledernen Sessel und führte mich zur Krankenstation. Es wurde eben mal wieder Zeit, sich an den Strand zu legen und zu entspannen. Das machte ich immer, wenn ich zu lange an Bord war. Aber nun, ohne die Erde, war das nicht mehr möglich. Man gab mir allerlei Medikamente, Spritzen, es war nicht zum Aushalten. Mein ganzes Leben kam mir wieder in Erinnerung. All die schönen Momente, meine Ernennung zum Kapitän, meine erste Handfeuerwaffe, der Abschluss meiner Ausbildung zum Soldaten. Ich begann hysterisch zu werden, bis mir eine Ärztin eine Nadel in den Arm piekste. Dann wurde ich ruhig und schlief.

Schweißgebadet erwachte ich einige Stunden später. Um mich herum war es dunkel. Verdammte Crew, wollte mich hier wohl verrecken lassen. Aber nicht mit mir. Nicht mit dem Käpten! Ich griff an meine Seite, meine Waffe hing wie immer in ihrem Halfter neben meinem Bein. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich, der einzige Mensch, der über genügend Verstand verfügte, die Welt zu retten, musste überleben! Ich musste verhindern, dass all die Unwissenden uns in's Verderben stürzen würden. Vielleicht war es auch einfach nur Egoismus, die Hoffnung, mein eigenes Leben zu retten, was mich zu meiner Tat trieb. Ich packte die Waffe, nicht das Modernste, aber dafür mit Betäubungsmunition geladen und rannte den Korridor entlang zur Brücke. Wie immer war sie hell erleuchtet und meine Crew blickte mir teils verwirrt, teils entsetzt entgegen, als ich die Waffe auf sie richtete und zielgenau feuerte. Binnen Sekunden lagen sie alle am Boden. Irgendwie empfand ich eine innere Befriedigung bei dem Gedanken, mich ihrer nun endlich entledigt zu haben - auch wenn es nur für ein paar Stunden halten würde. Nun würde ich ihnen erneut das Leben retten. Sie in eine bessere Welt führen. Ihnen womöglich ihre Jugend wiedergeben. Mein Vorhaben war so edel, ja fast schon patriotisch!

Der Plan war klar. Schwarze Löcher, das einzige, was dem menschlichen Verstand bisher getrotzt hatte. Ich würde der erste sein, der mehr über sie erfuhr. Derjenige, der erkennen würde, ob das Gerücht stimmte, sie würden in die Vergangenheit führen. Ich würde sicher wieder jung sein, jung und gesund! Ich würde erneut am Strand liegen, berühmt geworden für meine Erkenntnisse, geehrt dafür, die Welt gerettet zu haben! Ich stellte den Autopilot aus und ging ans Steuer. Es war ungewohnt für mich, den Koloss von Raumschiff zu steuern, aber nach einer Weile des Probierens hatte ich den Dreh raus. Das Universum wimmelte nur so von unzähligen tiefschwarzen Löchern, eingefallene Sonnen, die im Laufe von Äonen ausgebrannt waren. Der Radar warnte vor einem, das sich unmittelbar in unserer Nähe befand. Der Autopilot hätte uns davon weggebracht, ich aber steuerte direkt darauf zu. Wir kamen näher, immer näher. Durch die gewaltige Sogkraft gewannen wir immer schneller an Geschwindigkeit. Die Metallhülse des Schiffs wurde zerknautscht. Löcher bildeten sich um mich herum, aber ich beschleunigte nur noch weiter. Der Raum um mich wurde enger und enger, bald spürte ich wie das Metall begann, meinen Körper zu zerdrücken, die Luft wurde aus meinen Lungen gepresst und dann... dann wachte ich hier auf.

Die Ärztin oder was auch immer sie ist, nickt mir verständnisvoll zu. "Und Sie können sich wirklich an nichts erinnern?"Ich schüttele den Kopf und sehe sie verständnislos an. Sie glaubt mir nicht, das ist klar. Erkennt sie nicht, dass ich der Retter der Welt bin?! Bin ich nun in der Vergangenheit? Bisher wurde mir nichts gesagt, ich musste immer nur reden und reden, aber langsam ist es mir genug. Mit einem Ruck will ich mich erheben, aber sofort kommen zwei kräftig gebaute Männer mit Schwertern an ihrer Seite aus den Ecken und drücken mich zurück. Bin ich etwa in irgendwelchen okkulten Kreisen gelandet? Ich schreie, ich protestiere, aber es hilft nichts.

"Bringt ihm noch etwas Laudanum. Sein Geist scheint immer noch verwirrt zu sein." Laudanum....? Erst jetzt bemerke ich die seltsame Einrichtung um mich. Die grob behauenen Steinwände. Ich bemerke, dass die Kleidung der Ärztin aus Wolle besteht. Ziemlich bieder, wer trägt denn heutzutage noch etwas anderes als Kunststoff?

Dann: Schwärze.